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Ernährungsfakten vs. Ernährungsfiktion

Datteln

Im Netz und in den sozialen Medien werden viele Informationen zum Thema Ernährung verbreitet. Im Newsfeed tauchen dann sensationelle Meldungen zu der unglaublichen gesundheitlichen Wirkung  irgendeines Superfoods auf und gut geschriebene Texte oder Videos mit tollen Grafiken hinterlassen uns begeistert und mit dem Wunsch, die neue Erkenntnis weiter zu geben.
Nicht wenige der Videos und Artikel verbreiten aber, bewusst (meist mit wirtschaftlichem Interesse) oder unbewusst  (schlecht recherchierte Quellen oder schlichtes Abschreiben anderer Artikel), falsche Informationen.
Wie man herausfindet mit welcher Art von Artikel man es nun zu tun hat, erklären wir hier.

Der Zugang zu den Weiten des Internets sollte es uns ermöglichen, klüger und besser informiert zu sein. Die Menschen nehmen das zumindest an. Eine Yale-Studie zeigt, dass ein Internetzugang Menschen dazu bringt, den trügerischen Eindruck zu bekommen, sie seien gut informiert.

Aber, genau wie das Gehirn, ist das Internet empfänglich für Fehlinformationen. Das Weltwirtschaftsforum sieht die „massive digitale Fehlinformation“ als eine Hauptbedrohung für unsere Gesellschaft. Eine Untersuchung von 50 Seiten über „Gewichtsreduktion“ ergab zum Beispiel, dass nur drei davon gesunde Diät-Ratschläge lieferten.

Informationen also kritisch zu betrachten und vor der ungefilterten Weiterverbreitung mit dem Share-Button zu überlegen, ob das Geschriebene inhaltlich sinnvoll ist und ob die Behauptungen von unabhängigen Quellen stammen, ist vermutlich die einzige Methode die Flut an Falschinformationen einzudämmen.

Aber wie geht das?

#1: Die Quelle der Information

Der erste Schritt ist sicher, zu prüfen von wem die Information ursprünglich stammt. Und damit meine ich nicht Onkel Heinz, der den Link per Facebook teilt, sondern den Urheber der Nachricht. Hierzu muss man manchmal einige Schritte zurück recherchieren.

Das möchte ich mal am Beispiel eines Videos, in dem propagiert wird, dass Datteln das Nummer 1 Lebensmittel gegen Herzinfarkt und Schlaganfall sind, zeigen.

Hier: Das Dattel-Video

Neben der Wirkung im Kampf gegen die Haupttodesursache in Deutschland,  regulieren Datteln angeblich den Blutdruck und reinigen die Blutgefäße. Und das Beste: Isst man Datteln in der Früh auf nüchternen Magen, helfen sie beim Abnehmen.

Großartig! Aber was ist dran an den Behauptungen?

Das Video steht auf einem Youtube Kanal, der leider nicht zu einer Webseite verlinkt, bzw darüber aufklärt, wer den Kanal betreibt. Dafür findet man auf dem Kanal aber viele Clickbait-Videos (Mit Clickbaiting bzw. Klickköder wird medienkritisch ein Prozess bezeichnet, Inhalte im World Wide Web mit einem Clickbait (deutsch etwa „Klickköder“) anzupreisen. Clickbaits dienen dem Zweck, höhere Zugriffszahlen und damit unter anderem mehr Werbeeinnahmen durch Internetwerbung oder eine größere Markenbekanntheit der Zielseite bzw. des Autors zu erzielen. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Clickbaiting).

So etwas ist immer etwas dubios. Momentan spricht also noch nichts dafür das Dattel-Video weiter zu verbreiten.

Ergibt die Quellenrecherche aber, dass die Information im Social Media Feed aus einer wissenschaftlichen Fachpublikation stammt oder aus einem seriösen, gut recherchierten Zeitschriftenartikel, ist es zumindest schon mal mehr in Ordnung, das Video weiter zu verbreiten. Auch wenn die Erfahrung gezeigt hat, dass selbst seriöse Magazine Falschinformationen aufliegen (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/quatsch-studie-forscher-narrt-fachmagazin-mit-klo-studie-a-1216792.html) und auch leider nicht jede Studie unabhängig erstellt wurde. Dazu aber gleich mehr.

Natürlich kann man vorm Teilen des Artikel- bzw. Video-Links auch noch weiter recherchieren, um sicher zu gehen, dass man keine Falschinformation weiter verbreitet.

# 2 Allgemeine Suche nach anderen Quellen

Als nächsten Schritt kann man die Behauptung des Artikels oder Videos einfach mit Hilfe einer Suchmaschine weiter recherchieren.

Im Falle des Dattelvideos läuft das in etwa so:

Sucht man mit Hilfe einer Suchmaschine nach Beweisen für die unglaubliche Wirkung von Datteln landet man auf Seiten von Herstellern und Shops, die die Wirkung der Datteln, ohne wissenschaftliche Quellenangaben oder Vergleichswerte, anpreisen. Immer noch findet man keine glaubwürdige Quelle.

Die Hersteller schreiben lediglich, dass die großartige Wirkung der Datteln auf dem Gehalt von Vitamin A, B-Vitaminen, Kalzium, Eisen, Magnesium, Kalium, Ballaststoffen etc.  beruht.

Das bringt uns zum nächsten Schritt.

# 3 Die Logik dahinter überprüfen

In diesem Schritt geht es darum die Behauptung mit Hilfe einfacher Überlegungen und Recherchen zu überprüfen.

Im Falle der Datteln könnte man z.B. einfach mal nachschauen, wie viel Vitamine und Spurenelemente sie enthalten.  Und siehe da, ein Nährwertrechner listet folgende Werte für Datteln auf:

Vitamin in µg

Tagesbedarf

Vitamin A Retinoläquivalent

6 µg

900 µg

(=0,7%)

Vitamin A Retinol

0 µg

1.000 µg

(=0,0%)

Vitamin A Beta-Carotin

36 µg

2.000 µg

(=1,8%)

Vitamin B1 Thiamin

70 µg

1.100 µg

(=6,4%)

Vitamin B2 Riboflavin

70 µg

1.200 µg

(=5,8%)

Vitamin B3 Niacin, Nicotinsäure

2.000 µg

15.000 µg

(=13,3%)

Vitamin B3 Niacinäquivalent

2.833 µg

17.000 µg

(=16,7%)

Vitamin B5 Pantothensäure

800 µg

6.000 µg

(=13,3%)

Vitamin B6 Pyridoxin

140 µg

2.000 µg

(=7,0%)

Vitamin B7 Biotin (Vitamin H)

5 µg

100 µg

(=5,0%)

Vitamin B9 gesamte Folsäure

21 µg

400 µg

(=5,3%)

Vitamin B12 Cobalamin

0 µg

3 µg

(=0,0%)

Vitamin C Ascorbinsäure

3.000 µg

100.000 µg

(=3,0%)

Vitamin D Calciferole

0 µg

20 µg

(=0,0%)

Vitamin E Tocopheroläquivalent

200 µg

12.000 µg

(=1,7%)

Vitamin E Tocopherol

200 µg

  

Vitamin K Phyllochinon

10 µg

70 µg

(=14,3%)

Mineralstoff in mg

Tagesbedarf

Natrium

5 mg

1.500 mg

(=0,3%)

Kalium

648 mg

4.000 mg

(=16,2%)

Calcium

65 mg

1.000 mg

(=6,5%)

Magnesium

50 mg

350 mg

(=14,3%)

Phosphor

60 mg

700 mg

(=8,6%)

Schwefel

60 mg

  

Chlorid

180 mg

2.300 mg

(=7,8%)

Spurenelement in µg

Tagesbedarf lt. DGE

Eisen

1.900 µg

12.500 µg

(=15,2%)

Zink

340 µg

8.500 µg

(=4,0%)

Kupfer

300 µg

1.250 µg

(=24,0%)

Mangan

150 µg

3.500 µg

(=4,3%)

Fluorid

20 µg

3.800 µg

(=0,5%)

Iodid

1 µg

200 µg

(=0,5%)

Keiner der Werte pro 100g ist, im Vergleich zum Tagesbedarf, beeindruckend hoch. Außer der Wert der Kohlenhydrate. Der liegt für 100g Datteln bei enormen 65g – das sind 22 Stück Würfelzucker! Klingt das nach einem Superfood?

An dieser Stelle würde ich von einer Weiterverbreitung des Videos über meine Sozialen Kanäle absehen, weil es einfach zu sehr danach aussieht, als würden die Dattelhersteller in Zeiten der Zuckerangst, ihren Kohlenhydratreichen Erzeugnissen einen gesunden Anstrich verpassen.

Aber natürlich kann man trotzdem noch weiter recherchieren.

Vitamine und Spurenelemente sind schließlich häufig nicht das ausschließlich Gesundmachende an einem Lebensmittel. Es gibt noch die sekundären Pflanzenstoffe, bzw. bislang noch ganz unbekannte Stoffe, die ein Nahrungsmittel zu einem Heilmittel machen können. Forscher nähern sich dieser Stoffe in aufwändigen, placebokontrollierten Doppelblindstudien an.

# 4 Suche nach wissenschaftlichen Studien

Auf Portalen wie z.B.  www.pubmed.gov  oder  https://scholar.google.de  kann man nach wissenschaftlichen Studien suchen. Diese zu lesen ist häufig etwas mühsam, da die Studien oft in Englisch verfasst oder sehr wissenschaftlich formuliert sind, so dass man sich als Nicht-Forscher schon sehr anstrengen muss, den Inhalt zu verstehen.

Aber selbst wenn man den Inhalt nicht zu 100% versteht, bekommt man ein Gefühl dafür, ob es irgendeine wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema gibt.

Im Falle der Datteln konnte ich nichts finden. Und das bringt mich zurück zu meiner vorherigen Vermutung: reines Dattelmarketing ohne wissenschaftliche Substanz.

Bei anderen Themen stößt man vielleicht auf Studien, die das Video bzw. den Artikel untermauern, und es scheint immer mehr ok, den Share-Button zu drücken.

Nur ganz fleißige Social-Media-User hören an dieser Stelle noch nicht auf und gehen weiter zu Schritt 5.

# 5 Die Hintergründe der Studie prüfen

Jetzt geht es ins Eingemachte. Es gibt hunderttausende Studien da draußen und nicht jede wurde sinnvoll und fehlerfrei durchgeführt.

Personal essence Blog - Ernährung - Ernährungsfakten vs. Ernährungsfiktion

Sinnvoll heißt: die richtige Studiengestaltung für die Fragestellung. Es macht keinen Sinn Dattelextrakt an einer Zellkultur zu testen, wenn man wissen möchte, ob der Verzehr von Datteln beim Abnehmen hilft. Andere Forschungsdesigns sind da geeigneter.

Fehlerfrei heißt: mit einer aussagekräftigen Anzahl an Studienteilnehmern und vor allem mit der richtigen Auswertung des Ergebnisses. Das zu prüfen ist schon anspruchsvoll.

Was aber durchaus im Rahmen des Machbaren ist, ist zu recherchieren, wer die Studie durchgeführt hat. Ist das verantwortliche Institut bzw. die beteiligten Forscher unabhängig oder werden sie von der Industrie bezahlt? Einer Studie zur gesundheitlichen Auswirkung von Zucker, die von der Getränkeindustrie finanziert wurde, würde ich z.B.  grundsätzlich nicht vertrauen. Einer unabhängigen Studie zu diesem Thema schon.

Es ist wichtig zu erkennen, dass im Netz Ernährungsfakten, aber auch sehr viel Ernährungsfiktion kursiert. Bevor sie also irgendeine Information – egal zu welchem Thema – als wahr aufnehmen, danach handeln und sie verbreiten, sind Sie es sich und Ihrem Umfeld schuldig kurz inne zu halten und nachzudenken, ob es wirklich wahr ist, was Sie vor sich haben. Und wenn das nicht sofort zu erkennen ist, überlegen Sie, ob der Share-Button die beste Wahl ist.  In der Welt war dieses Innehalten nie wichtiger als heutzutage.

Die Artikel, die wir auf unseren Seiten veröffentlichen, recherchieren wir immer gut und untermauern die Aussagen mit seriösen Quellen. Die Quellen geben wir immer an. Ist keine wissenschaftliche Quelle zu finden, schreiben wir das explizit im Artikel dazu. Wir möchten dass Sie darüber Klarheit haben.

Zurück zu den Datteln: Sollten Sie Datteln essen? Lecker sind sie. Gesundheitsförderlich, wie im Video propagiert sicher nicht. Als Süßigkeit zwischendurch können Sie sie natürlich essen. Wenn Sie aber abnehmen möchten, oder Ihrem Herz-Kreislauf-System etwas Gutes tun möchten, gibt es sicher geeignetere Lebensmittel.

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